Mensch und Natur im Gleichgewicht:
Tausche Kastanie gegen SinnesWandel
Seit der Romantik lieben wir unsere Wälder. Bäume sind nicht nur die Lungen der Erde, starke Emotionen verbinden uns mit ihnen. Sind Motorsägen im Wald da gut? Ja, denn richtig eingesetzt arbeiten sie zu seinem Vorteil.
Es ist Montagmorgen im Januar. Oberförster Martin Gerspacher und seine Mitarbeiter stehen im Forst ihrer Gemeinde Bad Boll nahe der Schwäbischen Alb und begutachten eine stattliche, etwa vierzig Jahre alte Rosskastanie (Aesculus hippocastanum), die sie an diesem Tag fällen werden. „Dieser Baum hier steht auf einem ehemaligen Baumschulareal und wurde damals von der Forstbehörde gepflanzt“, erläutert Gerspacher und erklärt, dass die aus dem Balkan stammende Rosskastanie früher nicht in deutschen Wäldern vorkam. „Meine Vorgänger haben die Bäume hier im Wald alle angepflanzt. Heute arbeiten wir anders“, sagt Gerspacher. Der Oberförster baut voll und ganz auf natürlichen Nachwuchs und lässt die Bäume sich selber aussäen. „Das ist besser als anpflanzen, denn der Umpflanzschock macht den Bäumen zu schaffen, der Pflegeaufwand ist viel höher, als bei ausgesäten Bäumen“, weiß Gerspacher.
Pflege ist dennoch notwendig. Damit sich die von selbst gewachsenen Bäume nicht ins Gehege kommen, fällen Gerspacher und seine Männer jeden Winter ungefähr 3.000 Bäume im Boller Forst, der eine Fläche von ungefähr 17 Hektar umfasst. Das geschlagene Holz verkauft die Gemeinde an Möbel- und Instrumentenbauer oder an die WALA, die aus den Rinden der Rosskastanie einen gewebefestigenden Auszug für die Dr.Hauschka Med Zahnpflege herstellt. „Besonders schöne Bäume bleiben stehen und werden intensiv von uns gepflegt“, so der Förster. Auch auf die Vögel nimmt Gerspacher so weit wie möglich Rücksicht. „So genannte Spechtbäume, in denen eine unserer vier Spechtarten lebt, lassen wir nach Möglichkeit stehen und achten darauf, dass die Einflugschneise nicht komplett zuwächst, dann käme nämlich der Specht nicht mehr.“
Dieser sorgsame Umgang mit der Natur ist der WALA genauso wichtig. Sie bezieht seit mehr als 20 Jahren Rinde von der Forstgemeinde Bad Boll. Dabei wuchs in der WALA das Bedürfnis, den stetig steigenden Verbrauch von Rinde mit mehr als reiner Bezahlung zu kompensieren. So entstand die Idee, den im Mai 2010 eröffneten Wald-Erlebnispfad „SinnesWandel“ zu fördern. Der rund zwei Kilometer lange Pfad schlängelt sich unbefestigt durch den natürlich wirkenden Bad Boller Wald an zehn Stationen entlang, die den Besucher nicht nur seinen eigenen Sinnen näherbringen, sondern auch die Vielfalt des Naturraums Wald neu und intensiv wahrnehmen lässt. Und so schließt sich der Kreis zwischen der genießenden Liebe zum Wald und seiner gleichzeitigen nachhaltigen Nutzung: Im sinnvollen Nehmen und kompensierendem Geben stellt sich ein Gleichgewicht ein, von dem wir Menschen ebenso profitieren wie die Natur. Einfach ideal.

